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Antientzündlich, vitalstoffreich, alltagstauglich: Meine Grundprinzipien der Ernährung

Marie-Annett Grünewald
vor 2 Tagen
6 Min. Lesezeit

„In der Nahrung liegt die Arznei, in der Nahrung liegt der Schaden, in der Nahrung liegt die Heilung.“ Dieser Satz, der Hippokrates zugeschrieben wird, ist über zweitausend Jahre alt – und aktueller denn je. Auch heute ist Ernährung ein wichtiger Bestandteil unseres Alltags. Was wir regelmäßig essen und trinken, beeinflusst unter anderem die Zufuhr von Energie, Eiweiß, Fettsäuren, Vitaminen, Mineralstoffen und bioaktiven Pflanzenstoffen.

In meiner Praxis betrachte ich Ernährung deshalb als einen möglichen Baustein einer individuellen naturheilkundlichen Begleitung. Dabei geht es nicht um eine einzelne „richtige“ Ernährungsform, sondern darum, welche Ernährungsweise zum jeweiligen Menschen, seinem Alltag und seinen persönlichen Zielen passt.


Eine überwiegend pflanzenbetonte Ernährung als Basis

Eine ausgewogene Ernährung muss nicht kompliziert sein. Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse und Samen können eine wichtige Grundlage bilden. Je nach persönlicher Ernährungsweise kommen beispielsweise Fisch, Eier, Milchprodukte oder andere Proteinquellen hinzu.

Dabei ist es sinnvoll, stark verarbeitete Lebensmittel, stark zuckerhaltige Produkte sowie Lebensmittel mit einem hohen Anteil industrieller Transfette nur ausnahmsweise  auf dem Speiseplan zu haben. Die WHO empfiehlt unter anderem einen hohen Anteil pflanzlicher Lebensmittel und eine Begrenzung von gesättigten und Transfettsäuren [1].

Die Formulierung „antientzündliche Ernährung“ verwende ich dabei eher als Orientierung für eine insgesamt ausgewogene Ernährungsweise.


Vitalstoffreich und möglichst wenig verarbeitet

Lebensmittel unterscheiden sich hinsichtlich ihres Gehalts an Vitaminen, Mineralstoffen, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen. Frisches oder wenig verarbeitetes Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse und Samen können hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Auch bei ökologisch erzeugten Lebensmitteln gibt es interessante Unterschiede. Eine große systematische Analyse fand beispielsweise bei vielen biologisch erzeugten pflanzlichen Lebensmitteln höhere Konzentrationen bestimmter Polyphenole und geringere Rückstände bestimmter Pestizide [2].

Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Bio-Lebensmittel generell gesundheitlich überlegen sind. Neuere systematische Übersichtsarbeiten kommen zu einer differenzierten Einschätzung und weisen darauf hin, dass die Daten zu langfristigen gesundheitlichen Vorteilen weiterhin begrenzt beziehungsweise uneinheitlich sind [3–5].

Für mich ist biologische Qualität deshalb ein möglicher Baustein – kein Dogma. Entscheidend ist, was sich im eigenen Alltag und innerhalb des persönlichen Budgets sinnvoll umsetzen lässt.

Abb: gesundes Hirsefrühstück mit saisonalen Früchten und Saaten
Abb: gesundes Hirsefrühstück mit saisonalen Früchten und Saaten

Keto, Blutgruppe, Genetik: Individuelle Ansätze differenziert betrachtet

Im Praxisalltag begegnen mir häufig spezifische Ernährungstrends und Theorien, die pauschale Antworten versprechen. Drei davon betrachte ich hier differenziert:


  • Ketogene Ernährung: Stoffwechselumstellung im Fokus

Sie zeichnet sich durch eine sehr starke Reduktion der Kohlenhydratzufuhr und einen relativ hohen Anteil an Fett aus. Dadurch kann der Körper vermehrt Ketonkörper bilden und diese als Energieträger nutzen.

Untersuchungen zeigen, dass ketogene beziehungsweise sehr kohlenhydratarme Ernährungsformen bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas kurzfristig zu Gewichtsverlust führen können. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2026 fand unter vergleichbaren vorgegebenen Energiebedingungen einen kleinen zusätzlichen Gewichtsverlust gegenüber kohlenhydratreicheren Ernährungsformen; die Autoren bewerteten die Evidenz jedoch als niedrig und wiesen auf die überwiegend kurze Studiendauer hin [8].

Auch eine Umbrella-Review von Meta-Analysen randomisierter Studien fand Hinweise auf positive Effekte bestimmter ketogener Ernährungsformen auf einige Stoffwechselparameter. Gleichzeitig wurden unter anderem mögliche Anstiege des LDL-Cholesterins beschrieben und langfristige klinische Auswirkungen als noch nicht ausreichend geklärt bewertet [6, 7].

Eine ketogene Ernährung ist daher keine pauschal empfehlenswerte Ernährungsform für jeden Menschen. Bei bestehenden Erkrankungen, Medikamenteneinnahme oder besonderen Ernährungsanforderungen sollte eine solche deutliche Veränderung der Ernährung fachlich begleitet werden.


  • Blutgruppenspezifische Ernährung: Ein individueller Ansatz mit Grenzen

Dabei wird angenommen, dass die Verträglichkeit bestimmter Lebensmittel von der jeweiligen Blutgruppe abhängt. Als grundlegende Literatur zur Entwicklung der Blutgruppendiät ist insbesondere die Arbeit von Peter J. D’Adamo zu nennen [9]. Die dort beschriebenen Ernährungskonzepte stellen jedoch keinen wissenschaftlichen Beleg für eine nachgewiesene Wirksamkeit der Blutgruppendiät dar. Für die Annahme, dass eine Ernährung entsprechend der ABO-Blutgruppe gesundheitliche Vorteile bringt, gibt es keine überzeugende wissenschaftliche Grundlage. Eine systematische Übersichtsarbeit fand keine Studien, die einen gesundheitlichen Nutzen einer Ernährung entsprechend der ABO-Blutgruppe belegen konnten [10].

Trotzdem kann der Gedanke dahinter – dass Ernährung höchst individuell ist und pauschale Empfehlungen nicht für jeden gleich passen – ein sinnvoller Ausgangspunkt für ein persönliches Gespräch sein. Menschen unterscheiden sich beispielsweise hinsichtlich ihrer Ernährungsgewohnheiten, ihres Energiebedarfs, ihrer körperlichen Aktivität und ihrer persönlichen Verträglichkeit bestimmter Lebensmittel. In meiner Praxis nutze ich ein solches Konzept daher nicht als alleinige Grundlage für Ernährungsempfehlungen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die individuelle Anamnese, Ernährungsgewohnheiten und – soweit sinnvoll – weitere medizinische oder ernährungsbezogene Informationen.


  • Nutrigenomik: Was unsere Gene mit Ernährung zu tun haben

Vereinfacht gesagt untersucht die Nutrigenomik, wie Nährstoffe und andere Bestandteile der Ernährung mit der Genregulation und biologischen Prozessen interagieren. Die Nutrigenetik beschäftigt sich dagegen stärker mit der Frage, wie genetische Unterschiede beeinflussen können, wie Menschen auf bestimmte Nahrungsbestandteile reagieren. Beide Forschungsrichtungen sind eng miteinander verbunden [11].

Die Idee einer stärker personalisierten Ernährung ist wissenschaftlich interessant. Allerdings ist die praktische Bedeutung genetischer Tests für individuelle Ernährungsempfehlungen noch nicht abschließend geklärt. Ein Konsensusbericht der Academy of Nutrition and Dietetics bewertete die verfügbare Evidenz zur zusätzlichen Verwendung genetischer Informationen in der Ernährungsberatung als unzureichend beziehungsweise von eher schwacher Qualität [12]. Auch eine systematische Übersicht randomisierter Studien zur personalisierten Ernährung zeigte insgesamt keine konsistenten Vorteile für Ernährungs-, Verhaltens- oder Gesundheitsparameter [13].

Für meine Praxis bedeutet das: Nutrigenomik und Nutrigenetik sind interessante Forschungsfelder, sollten aber nicht als alleinige Grundlage für individuelle Ernährungsempfehlungen oder als Versprechen einer besonders präzisen Gesundheitssteuerung dargestellt werden.


Nicht vergessen: die Qualität des Trinkwassers

Neben der Ernährung im engeren Sinn spielt natürlich auch die Flüssigkeitszufuhr eine Rolle im Alltag. Mit der Qualität unseres Trinkwassers beschäftigen sich viele Menschen heute sehr intensiv – beispielsweise mit Herkunft, Aufbereitung, Leitungsqualität und geeigneten Trinkgefäßen.

Mehr dazu finden Sie in meinem ausführlichen Beitrag zur Trinkwasserqualität.


Ernährung ist individuell – wie Sie selbst

Es gibt kein Ernährungskonzept, das für alle Menschen gleichermaßen passt. Genau deshalb schaue ich in meiner Praxis nicht nur darauf, was Sie essen. Ich berücksichtige auch Ihre persönlichen Gewohnheiten, Ihren Alltag, Ihre individuellen Bedürfnisse und – soweit vorhanden und sinnvoll – relevante medizinische Befunde. Daraus kann eine Ernährungsweise entstehen, die wissenschaftlich nachvollziehbar ist und sich gleichzeitig im Alltag umsetzen lässt.


Weiterführende Themen dieser Beitragsreihe:

  • Vertiefung 1: Omega-3-Fettsäuren, Pflanzenöle und Transfette - Kalt gepresst, erhitzt oder raffiniert?

  • Vertiefung 2: Schonende Zubereitung - was Hitze und Mikrowelle mit Proteinstruktur und Vitalstoffen machen 

  • Vertiefung 3: Milch unter der Lupe - was Pasteurisierung, Ultrahocherhitzen und Homogenisierung verändern


Rechtlicher Hinweis

Die in diesem Artikel dargestellten Ernährungsansätze dienen der allgemeinen Information und stellen keine individuelle medizinische Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Die wissenschaftliche Evidenz ist je nach Ernährungsform und Fragestellung unterschiedlich. Einzelne naturheilkundliche Konzepte sind wissenschaftlich nicht oder nur unzureichend belegt. Eine individuelle Ernährungsberatung kann eine ärztlich erforderliche Diagnostik oder Behandlung nicht ersetzen. Bei bestehenden Erkrankungen, Beschwerden oder der Einnahme von Medikamenten sollte eine entsprechende medizinische Abklärung beziehungsweise Abstimmung erfolgen.


Quellen

  1. World Health Organization (WHO). Healthy diet. 2026.

  2. Barański M, et al. Higher antioxidant and lower cadmium concentrations and lower incidence of pesticide residues in organically grown crops: a systematic literature review and meta-analyses. Br J Nutr. 2014;112(5):794–811.

  3. Smith-Spangler C, et al. Are organic foods safer or healthier than conventional alternatives? A systematic review. Ann Intern Med. 2012;157(5):348–366.

  4. Vigar V, et al. A systematic review of organic versus conventional food consumption: Is there a measurable benefit on human health? Nutrients. 2020;12(1):7.

  5. Poulia K-A, et al. Impact of organic foods on chronic diseases and health perception: a systematic review of the evidence. Eur J Clin Nutr. 2025;79(2):90–103.

  6. Amini MR, et al. The effect of ketogenic diet on body composition and anthropometric measures: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Crit Rev Food Sci Nutr. 2022;62(13):3644–3657.

  7. Patikorn C, et al. Effects of ketogenic diet on health outcomes: an umbrella review of meta-analyses of randomized clinical trials. BMC Med. 2023;21:196.

  8. Żurawski T, Bartosiewicz A. Do Ketogenic Diets Produce Greater Weight Loss than Higher-Carbohydrate Diets Under Comparable Prescribed Energy Conditions? A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Nutrients. 2026;18(15):2525.

  9. D’Adamo PJ, Whitney C. Cook Right 4 Your Type: The Practical Kitchen Companion to Eat Right 4 Your Type. New York: Berkley Books; 1999.

  10. Cusack L, et al. Blood type diets lack supporting evidence: a systematic review. Am J Clin Nutr. 2013;98(1):99–104.

  11. Marcum JA. Nutrigenetics/Nutrigenomics, Personalized Nutrition, and Precision Healthcare. Curr Nutr Rep. 2020;9(4):338–345.

  12. Braakhuis A, et al. Consensus Report of the Academy of Nutrition and Dietetics: Incorporating Genetic Testing into Nutrition Care. J Acad Nutr Diet. 2021;121(3):545–552.

  13. Shyam S, Lee KX, Tan ASW, Khoo TA, Harikrishnan S, Lalani SA, Ramadas A. Effect of Personalized Nutrition on Dietary, Physical Activity, and Health Outcomes: A Systematic Review of Randomized Trials. Nutrients. 2022 Oct 2;14(19):4104. doi: 10.3390/nu14194104. PMID: 36235756; PMCID: PMC9570623.


 
 
 

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