Pflanzliche Arzneimittel: Warum die Herstellung den entscheidenden Unterschied macht
"Ein pflanzliches Mittel" klingt nach etwas Einheitlichem – ist es aber nicht. Zwei Präparate aus derselben Heilpflanze können sich in ihrer Zusammensetzung, ihrem Wirkstoffprofil und ihrer Qualität erheblich unterscheiden. Als approbierte Apothekerin ist mir dieser Unterschied besonders wichtig, wenn ich in meiner Praxis Phytotherapeutika auswähle [1–3].
Warum "dieselbe Pflanze" nicht "dasselbe Arzneimittel" bedeutet
Heilpflanzen und ihre Zubereitungen – Tees, Tinkturen, Frischpflanzensäfte, Extrakte oder Salben – werden seit Jahrhunderten in der Kräuterheilkunde verschiedener Kulturen eingesetzt. Die Wirkung vieler Heilpflanzen ist wissenschaftlich untersucht. Was dabei oft übersehen wird: Das Endprodukt hängt maßgeblich davon ab, wie die Pflanze verarbeitet wurde [1,2].
Ein paar Faktoren, die einen erheblichen Unterschied machen:
Frisch- oder Trockenpflanze als Ausgangsmaterial. Frisch verarbeitete Pflanzen enthalten teils andere und empfindlichere Inhaltsstoffe als getrocknetes Material [1,2].
Extraktionsverfahren. Ob eine Pflanze mit Alkohol, Wasser oder anderen Lösungsmitteln, bei welcher Temperatur und über welchen Zeitraum ausgezogen wird, entscheidet, welche Inhaltsstoffe im fertigen Präparat enthalten sind – und in welcher Konzentration [1].
Standardisierung und Qualitätskontrolle. Zugelassene pflanzliche Fertigarzneimittel unterliegen einer strengen arzneimittelrechtlichen Kontrolle mit definierten Wirkstoffgehalten. Nahrungsergänzungsmittel auf pflanzlicher Basis müssen diese hohen Standards nicht erfüllen [1,3].
Herkunft und Anbau der Pflanze. Boden, Klima, Erntezeitpunkt und ökologischer vs. konventioneller Anbau wirken sich auf den Gehalt an Wirkstoffen aus – noch bevor die eigentliche Verarbeitung überhaupt beginnt [2].
Deshalb wähle ich Phytotherapeutika in meiner Praxis nicht nur nach dem Pflanzennamen aus, sondern schaue mir Herstellungsverfahren und Qualität des jeweiligen Präparats genau an – und stimme die Auswahl auf Ihre individuelle Situation ab.
Besonderes Herstellungsverfahren: Spagyrik nach dem Prinzip „Trenne und verbinde"
Während bei klassischen Pflanzenauszügen oft nur ein Teil der Inhaltsstoffe extrahiert wird, verfolgt die Spagyrik einen alchemistischen Ansatz nach dem Grundsatz „Solve et coagula" (Trenne und verbinde). Je nach spagyrischem Verfahren können die einzelnen Verarbeitungsschritte unterschiedlich gestaltet sein [4,5]. Ziel ist es, das gesamte Wesen einer Heilpflanze – ihre ätherischen Öle, pflanzeneigenen Sekundärstoffe un
d wertvollen Mineralsalze – schonend aufzuschließen und neu zu vereinen:
Gärung: Die zerkleinerte Heilpflanze wird fermentiert. Dabei wird die pflanzliche Zellstruktur aufgebrochen und Wirkstoffe werden bioverfügbar gemacht.
Destillation: Durch eine sanfte Destillation werden die flüchtigen Aromen - ätherische Öle isoliert aufgefangen.
Veraschung (Kalzination): Die verbleibenden festen Pflanzenteile werden bei hohen Temperaturen verascht, um die reinen, wasserlöslichen Mineralsalze und Spurenelemente der Pflanze freizusetzen.
Vereinigung: Die so gewonnenen Mineralsalze werden wieder mit dem Destillat zusammengeführt.
Das Ergebnis ist eine sogenannte spagyrische Essenz – ein ganzheitliches Pflanzenmittel, das die organischen und anorganischen Bestandteile einer Pflanze in einer nach spagyrischer Auffassung bioverfügbaren Form in sich tragen soll.
Die Spagyrik ist ein traditionelles, historisch gewachsenes Konzept, dessen zugrundeliegende Wirkprinzipien wissenschaftlich nicht belegt sind.
Was sich aber objektiv sagen lässt: Der Herstellungsprozess unterscheidet sich handwerklich deutlich von einer einfachen alkoholischen Auszugstinktur.
Besonderes Herstellungsverfahren: Das Geheimnis der Ceres-Herstellung – Frische, Rhythmus und Reifezeit
Einen besonderen Stellenwert in der modernen Phytotherapie nehmen die Urtinkturen der Schweizer Manufaktur Ceres ein. Begründet von Dr. Roger Kalbermatten, zielt das Herstellungsverfahren darauf ab, neben den materiellen Wirkstoffen auch die Energie, die Information und das individuelle „Wesen" der Arzneipflanze vollständig zu bewahren.
Die Besonderheiten auf einen Blick:
Erntefrische Heilpflanzen: Verarbeitet werden fast ausschließlich frische Pflanzen aus biologischem Anbau oder Wildsammlung – ohne Wirkstoffverluste durch Trocknung.
Schonendes Mörsermahlwerk: Statt schneller Schneidmesser zerkleinert ein spezielles Mörsermahlwerk die Pflanzen langsam und ohne Reibungshitze, um empfindliche Zellstrukturen zu schonen.
Rhythmisierung: Der Ansatz aus Pflanze, Wasser und Alkohol wird über Wochen rhythmisch bewegt, was nach Herstellerphilosophie den Wirkstoffaufschluss verbessern soll.
Mehrjährige Reifung: Vor der Abfüllung reifen die Tinkturen bis zu drei Jahre im geschützten Lagerkeller heran.
Durch diese schonende Verarbeitung sollen sich Ceres-Tinkturen laut Hersteller durch eine hohe Wirkstoffdichte und ihren unverfälschten Pflanzenduft auszeichnen [6].
Aus meiner Erfahrung setze ich Ceres-Präparate daher oft sehr niedrig dosiert ein.
Mistel: Eine traditionsreiche Pflanze zur Reiz- und Umstimmungstherapie
Die Mistel (Viscum album) nimmt in der anthroposophischen Medizin und traditionellen europäischen Naturheilkunde eine besondere Stellung ein. Als Halbparasit wächst sie kugelförmig in Baumkronen und entzieht sich weitgehend den typischen Wachstumsgesetzen anderer Pflanzen – eine Eigenheit, die ihr in der Naturheilkunde seit jeher eine Sonderrolle zuschreibt.

Die Herstellung von Mistelpräparaten folgt hochspezialisierten Grundsätzen und ist pharmazeutisch verbindlich im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) sowie im Anthroposophischen Arzneibuch (AAB / APC) verankert. Präparate verschiedener Hersteller unterscheiden sich dabei grundlegend in ihrer Zusammensetzung, da sich die pharmazeutischen Verfahren und Philosophieansätze stark unterscheiden. In der anthroposophischen Medizin werden Mistelpräparate traditionell als Teil eines eigenen therapeutischen Konzeptes eingesetzt. Die pharmazeutische Herstellung anthroposophischer Arzneimittel folgt dabei eigenen pharmazeutischen und konzeptionellen Grundlagen [9].
Pharmakologisch enthält die Mistel ein komplexes Vielstoffgemisch, dessen bekannteste Bestandteile Mistellektine (insbesondere Lektin I) und Viscotoxine sind – Proteine, die im Zentrum der aktuellen phytochemischen Forschung zur Mistel stehen [7,8]. Als Apothekerin ist mir dabei wichtig: Die Konzentration dieser Inhaltsstoffe weist erhebliche Unterschiede auf – abhängig vom Wirtsbaum (eine Apfelbaum-Mistel hat ein anderes Profil als eine Kiefern- oder Eichen-Mistel), vom Erntezeitpunkt (der Lektingehalt verändert sich über die Jahreszeiten deutlich) sowie vom Extraktionsverfahren – ob wässrig-kalt oder fermentiert ausgezogen wird, beeinflusst maßgeblich, welche Eiweißfraktionen im fertigen Extrakt erhalten bleiben.
In der traditionellen Anwendung wird Mistelextrakt als sogenannte Reiz- und Umstimmungstherapie eingesetzt – ein Konzept, das darauf abzielt, dem Körper über einen milden äußeren Reiz zu einer verbesserten Selbstregulation zu verhelfen. Historisch wird dieser Ansatz unter anderem bei Gelenkbeschwerden wie Arthrose, bei erhöhter Infektneigung oder bei allgemeiner Erschöpfung angewendet – meist als Tinktur zur äußerlichen oder innerlichen Anwendung.
Genau wegen dieser großen Rohstoff- und Verarbeitungsvariabilität schaue ich mir bei der Auswahl eines Mistelpräparats genau an, aus welchem Wirtsbaum und Herstellungsverfahren es stammt – ähnlich sorgfältig, wie ich es bei anderen Phytotherapeutika in diesem Artikel bereits beschrieben habe.
Das Konzept der „Umstimmung" ist ein traditionelles, in der anthroposophischen Medizin verwurzeltes Modell, dessen zugrundeliegender Wirkmechanismus wissenschaftlich nicht abschließend belegt ist. Ob und in welcher Form Mistelextrakte für Sie infrage kommen, besprechen wir im Rahmen Ihrer individuellen Anamnese.
Warum das für Sie als Patient*in wichtig ist
Die Vielfalt an pflanzlichen Präparaten auf dem Markt ist groß – und für Laien kaum zu durchschauen. Genau hier bringe ich meine pharmazeutische Expertise ein: Ich wähle nicht "irgendein" pflanzliches Mittel, sondern schaue mir an, welches Präparat in welcher Qualität und Herstellung zu Ihrem individuellen Therapiekonzept passt.
Fragen zur Phytotherapie?
Im kostenlosen Kennenlerngespräch können wir gemeinsam besprechen, ob und welche pflanzlichen Arzneimittel sinnvoll in Ihr individuelles Therapiekonzept passen.
Literatur
[1] European Medicines Agency (EMA). Guideline on quality of herbal medicinal products/traditional herbal medicinal products. Revision 3, 2022.
[2] European Commission. Guideline on Good Agricultural and Collection Practice (GACP) for Starting Materials of Herbal Origin.
[3] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Fragen und Antworten zu Nahrungsergänzungsmitteln.
[4] Deutscher Apotheker Verlag. Homöopathisches Arzneibuch 2025 (HAB 2025).
[5] Pröller C, Bauer G, Bauer JC. Spagyrische Heilmittel und deren unterschiedliche Herstellungsverfahren. Deutsche Heilpraktiker-Zeitschrift. 2010;5(4):16–20. DOI: 10.1055/s-0030-1261859.
[6] Ceres Heilmittel GmbH. Informationen zur Herstellung der Ceres Urtinkturen.
[7] Nazaruk J, Orlikowski P. Phytochemical profile and therapeutic potential of Viscum album L. Natural Product Research. 2016;30(4):373–385. DOI: 10.1080/14786419.2015.1022776.
[8] Yousefvand S, Fattahi F, Hosseini SM, et al. Viscotoxin and lectin content in foliage and fruit of Viscum album L. on the main host trees of Hyrcanian forests. Scientific Reports. 2022;12:10383. DOI: 10.1038/s41598-022-14504-3.
[9] Meyer U, Pedersen PA (Hrsg.). Anthroposophische Pharmazie: Grundlagen, Herstellprozesse, Arzneimittel. Berlin: Salumed-Verlag; 2016.
Rechtlicher Hinweis: Aus gesetzlichen Gründen (HWG) weise ich darauf hin, dass die hier genannten naturheilkundlichen Verfahren wissenschaftlich und schulmedizinisch nicht in jedem Fall anerkannt sind. Die genannten Anwendungsgebiete beruhen auf den Erfahrungen der jeweiligen Therapierichtungen selbst. Ein Heilungsversprechen kann nicht gegeben werden. Eine naturheilkundliche Behandlung ersetzt bei schweren Erkrankungen nicht die ärztliche Diagnose oder Therapie.



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